Natuscha

Filzen gestern und heute

Ein Stoff aus der Steinzeit?
Was Filz ausmacht
Wie Filztechniken funktionieren
Ein altes Handwerk neu entdeckt

Ein Stoff aus der Steinzeit?

Ein Stoff aus der Steinzeit?

Einer alten Legende zufolge hat der heilige Clemens das Filzen erfunden. Als Bauern ihm auf seiner Flucht etwas Schafwolle schenkten, polsterte er seine Sandalen damit, um den Schmerz an seinen Füßen zu lindern. Reibung, Druck, Wärme und der Schweiß seiner Füße ließen aus der Wolle einen festen Filz entstehen.

Forscher gehen davon aus, dass die Menschheit schon lange vor dem heiligen Clemens Wolle zu Filz verarbeitet und für Bekleidung, Bau von Behausungen und die verschiedensten Zwecke nutzbar gemacht hat. Vermutlich entstand das Filzen sogar schon Jahrtausende vor der Erfindung des Fadens und Gewebes, da Filzen keiner technischen Hilfsmittel bedarf. Aber nur dort, wo größere Mengen Wolle zur Verfügung standen, konnte eine hoch entwickelte Filzkultur entstehen. Funde in der heutigen Türkei (Candal Hüyük) lassen darauf schließen, dass Menschen hier schon vor 8.500 Jahren Filze durch gezieltes Werken hergestellt und mit Musterungstechniken verziert haben, die noch heute in Asien Verwendung finden.

Forschungen zufolge wurde ursprünglich nur in Asien und Europa gefilzt. Den Bedürfnissen der jeweiligen Volksgruppe entsprechend entwickelten sich im Laufe der Zeit verschiedene Filztechniken. Dass sich aus Wolle jedoch nahezu jede Filzform herausarbeiten lässt, haben uns vor allem Nomaden der asiatischen Steppen vorgemacht, deren Lebensweise schon immer eng mit dem Filz verbunden war. Das Repertoire ihrer Werke reicht von Kleidungsstücken und Teppichen über Wandbehänge und Satteldecken bis hin zu Joghurtwärmern und kultischen Gegenständen.

Filz diente mongolischen und türkischen Nomadenvölkern außerdem als Behausung. Sie stellten daraus Jurten her, abgerundete und konisch geformte Zelte aus Filz. Als Unterbau diente eine Scherengitterkonstruktion, die sich nicht nur leicht auf- und abbauen ließ, sondern auch stabil genug war, um ausreichend Schutz vor Wind und Kälte zu bieten.

Im asiatischen Raum entstehen Filze mittels Rolltechnik in Gemeinschaftsarbeit: Die Schafwolle wird lose auf einer Matte ausgebreitet, mit kochendem Wasser besprenkelt und anschließend so um einen Pfahl geschnürt, dass dabei eine mächtige Walze entsteht. Die Walze wird mithilfe eines Pferdes oder Kamels einige Stunden über den Boden der Steppe gezogen oder mit den Füßen gerollt. Das Prozedere wird so lange wiederholt, bis ein fester Filz entstanden ist. Hier sieht man die Initiative "Beuroner Filz" beim Nachvollziehen dieser Technik.

Was Filz ausmacht

Filz ist ein fester Verbund aus unsortierten Fasern. Alle Filzformen zeichnet ein unauflöslicher, undurchdringlicher und ungeordneter Zusammenhalt aus, weshalb der Begriff Filz auch für gepresstes oder mechanisch verhakeltes Fasermaterial oder gar für undurchsichtige und ineinander verschlungene Machtverhältnisse und Seilschaften in Politik und Wirtschaft benutzt wird. Unser Augenmerk soll sich jedoch lediglich auf den Filz richten, der aus Schafwollfasern hergestellt wird.

Wie Filztechniken funktionieren

Wollfasern besitzen die Eigenschaft, bei Zuführung von Feuchtigkeit und Wärme und bei gleichzeitiger Einwirkung von Druck und Bewegung zu verfilzen. Der Verfilzungsprozess wird durch das Hinzugeben einer Lauge (Seife) oder Säure unterstützt. Der eigentliche "Filzeffekt" ist sehr komplex, lässt sich aber in seinen Grundzügen recht einfach darstellen:

  • Die gekräuselten Wollfasern liegen ungeordnet übereinander. Unter dem Mikroskop lässt sich erkennen, dass feuchte Wärme ein leichtes Abspreizen der Schuppen an der Haaroberfläche bewirkt - ein Prozess, der durch Zugabe von Lauge und Säure verstärkt wird.

  • Durch Bewegung, Druck und Reibung wandern die Wurzelenden der Wollhaare voran und verhakeln sich.

Ein altes Handwerk neu entdeckt

In unserer Kultur war die manuelle Filzherstellung über lange Zeit hinweg in Vergessenheit geraten und wurde nur noch an einzelnen Orten praktiziert. Erst in den 70er-Jahren entdeckten Künstler bei ihrer Suche nach kreativen Ausdrucksmitteln das Handfilzen neu. Sie befassten sich zunächst experimentell mit der Technik und entwickelten diese schließlich immer weiter. Es folgte eine regelrechte Filzkurs-Ära, denn das Interesse an dieser alten Textiltechnik war geweckt.

Filzhut

Auch in unserer modernen Industriegesellschaft findet der Filz noch praktische Verwendung: So wird er heute vor allem zum Dämmen und Isolieren oder zum Abfangen von Vibrationen genutzt. Aufgrund moderner Fertigungsverfahren und der Erfindung der Filznadel können mittlerweile auch aus Kunstfasern und anderen nicht filzbaren Stoffen kostengünstig sogenannte "Nadelfilze" hergestellt werden. Sie finden typischerweise in der Produktion von Teppichböden, Putzlappen, Billigtextilien und Dekogegenständen Einsatz - können mit den positiven Eigenschaften des Wollfilzes jedoch nicht konkurrieren.